Keine Angst vor schlechten Noten!

MR Mag.DDr.Franz Sedlak, Leiter der Abt. Schulpsychologie-Bildungsberatung, Bundesministerium für Bildung und Frauen
Impulse zur Prüfungsvorbereitung und Bewältigung von Prüfungsangst

Angst nicht einreden, aber auch nicht ausreden!

Mit jeder Prüfung verbindet sich eine gewisse Spannung und Aufregung. Je mehr man diesen Zustand als natürlich empfindet, desto besser kann man die Nervosität akzeptieren und in gewisser Weise Oberhand gewinnen. Eltern tun daher ihren Kindern nichts Gutes, wenn sie ihnen die Angst vor der Prüfung ausreden wollen. Manche Dinge bekommen erst dadurch ungeheure Ausmaße, dass wir sie in der Phantasie zu Schreckgespenstern machen.

Eine Prüfung ist eine Prüfung. Es handelt sich nicht um eine Aburteilung. Der Tag der Wiederholungsprüfung ist nicht der "Jüngste Tag". Mögliche Folgen überlegen!

Panikhandlungen kommen dadurch zustande, dass etwas Unerwartetes eintrifft. Deshalb soll man sich Folgendes klar überlegen: Was ist, wenn die Prüfung nicht klappt? Die Antwort ist von Fall zu Fall verschieden. 

Im einen Fall wird dadurch eine Wiederholung der Klasse notwendig, im anderen Fall ist das Aufsteigen trotzdem, wenn auch mit einem schlechteren Zeugnis, möglich. Es geht nie um ein "entweder die Prüfung bestehen, oder es ist alles aus", sondern es geht auf jeden Fall weiter, auch wenn die Prüfung schief geht. Zuneigung zusichern!

Jedes Kind sollte wissen, dass es unabhängig von Noten und Leistungen von den Eltern geliebt wird. Es ist gerade an diesem Tag wichtig, sich nicht nur zu denken: "Das versteht sich ja ohnedies!" – sondern es auch auszusprechen. Anstrengungen belohnen, nicht Erfolg!

Der Erfolg bei der Prüfung darf nicht alleiniger Maßstab sein. Auch beim Olympischen Denken zählt nicht nur Erfolg, sondern auch die Anstrengung und der Einsatz. Ausreichend Energie tanken!

Eine anstrengende Prüfung bedeutet auch einen Energieverzehr. Deshalb ausreichend (nicht zu viel und nicht zu wenig) schlafen und ausgiebig frühstücken. Auch wenn man glaubt, vor Aufregung nichts hinunterzubringen. Aufwärmen statt aufregen!

Vor einer Prüfung soll man nichts mehr Neues lernen, weil dieser Stoff sich nicht mehr setzen kann und sich unter Umständen der Einprägungsvorgang störend auf die Wiedergabe von bereits gut gelernten Stoff auswirkt. Besser ist es, "den Motor aufzuwärmen", d.h., kurz noch einmal den Stoff durchblättern, ohne sich noch etwas einprägen zu wollen. Ein Ventil für Angst und Erregung finden!

Wenn eine bedrohliche Situation auf uns zukommt, sei es nun eine echte Gefahr für Leib und Leben oder eben "nur" eine Prüfung, dann wird der Körper in Alarmzustand versetzt. Energien werden mobilisiert. Diese Energien sind aber nur sinnvoll, wenn wir uns körperlich entweder durch Flucht oder Angriff gegen eine Gefahr wehren müssen; sie können sonst eher zu einer Unruhe im Körperhaushalt führen. 

Deshalb soll man, wenn man Angst bzw. Aufregung spürt, zu Hause versuchen, diese Mobilisierung des Körpers durch Kniebeugen und andere Übungen wie z.B. Joggen am Stand usw. abzuführen. Während der Prüfung hilft ruhiges, tiefes Durchatmen. Nicht künstlich dämpfen!

 Zur erfolgreichen Prüfungsbewältigung gehört ein bestimmtes Aktivierungsniveau. "Das Kind soll nicht mit dem Bade ausgegossen werden", d.h., es sollen keine Beruhigungsmittel eingenommen werden. Sie reduzieren nicht nur die Angst, sondern auch die Aktiviertheit (= die für eine bestimmte Leistung natürliche Spannkraft und Aufmerksamkeit). Mut machen!

Die Eltern sollen ihre Kinder an frühere Problemsituationen erinnern, die sie erfolgreich bewältigt haben. Miteinander statt Gegeneinander!

Es kann den Kindern auch helfen, wenn die Eltern zugeben, dass es ihnen auch schon so ergangen ist. Positive Einstimmung!

Wie die Prüfung ausgehen wird, weiß man nie. Wenn man sich bemüht, dann ist Erfolg wahrscheinlicher als Misserfolg. Deshalb nicht schon vorher alles schwarz malen und negative Situationen geistig heraufbeschwören. Immer mit einer gewissen Zuversicht die Dinge an sich herankommen lassen.

Wissen und Wert unterscheiden! Wissen ist wertvoll, aber der Wert des Menschen geht weit über sein Wissen hinaus! Daher immer wieder deutlich vor Augen halten: "Eine Prüfung misst mein Wissen, aber nicht meinen Wert als Mensch! Ich bin für mich, aber auch für meine Eltern, Bekannten und Mitschüler usw., wertvoll – mit oder ohne bestandene Prüfung!"